Bewilligte Projekte in der Förderlinie Freiräume im Jahr 2016

Die folgenden Projekte sind im Jahr 2016 zur Förderung ausgewählt worden.

„Gefährliche Attraktivität“ – Nachkriegsmoderne als Herausforderung in Spielfilmen der 1950er/60er Jahre

„Gefährliche Attraktivität“ – Nachkriegsmoderne als Herausforderung in Spielfilmen der 1950er/60er Jahre

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PD Dr. Annette Dorgerloh

Ziel der Förderung ist die Realisierung einer Monographie zum Umgang mit der Nachkriegsmoderne in der Szenographie deutsch-deutscher Spielfilme der 1950er und 1960er Jahre. Nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges kam der internationalen Moderne in Design, Architektur und Städtebau in Ost und West eine zentrale Rolle zu, die jedoch vor dem Hintergrund der Systemauseinandersetzungen des Kalten Krieges gegensätzliche Formulierungen, Deutungen und Ausgrenzungen erfuhr. Im Medium des Gegenwartsfilms – vorrangig im Genre der Kriminal- und Spionagefilme - fungierten Kunst und Architektur stets als handelnde Akteure in dem Bemühen, die jeweiligen Gegner entlarvend zu charakterisieren.  

Mit ihrem Fokus auf der Untersuchung von Filmräumen als ‚Charakterhüllen’ widmet sich die Studie aus kunst- und bildgeschichtlicher Perspektive den Entwicklungen und Wandlungen des Production Design von Spielfilmen vor und nach dem Mauerbau .   

 

 

Der urbane Trickster. Eine Denkfigur antiker, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Literatur an der Schwelle von Religion und Wissen

Der urbane Trickster. Eine Denkfigur antiker, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Literatur an der Schwelle von Religion und Wissen

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Prof. Dr. Hans Jürgen Scheuer

Mittelpunkt dieser Monographie ist die Reinterpretation der Tricksterfigur als eine Vereinigung von gottgleichem Wesen und Gaukler in antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten. Im Kontext städtischer Lebenspraxis offenbart sie die Grenzen zwischen menschlichem Wissen und Religion. Dazu greift die Untersuchung auf Erkenntnisse verschiedener Disziplinen zum kulturellen Status des Tricksters zurück und entwickelt anhand ausgewählter Texte den speziellen Typus des „urbanen Tricksters".

Jenseits des Spiegels. Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies

Jenseits des Spiegels. Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies

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Prof. Dr. Susanne von Falkenhausen

Aus Mitteln der Förderlinie Freiräume wird Susanne von Falkenhausens 2015 erschienenes Buch „Jenseits des Spiegels Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies“ ins Englische übersetzt. Mit dieser Studie hat sie erstmals eine Verbindung zwischen den beiden Feldern hergestellt und vergleichende Analysen herausgearbeitet, wie Sehen als wissenschaftliches Handeln verstanden wird. Fokuspunkte wie der Umgang mit visuellen Ordnungen, Sehen als Fremdheit und Sichtbarkeit als einer politischen Ressource kommen hier zusammen in der Grundfrage nach einer Ethik des Sehens.

Foto: Barbara Herrenkind

"Wie Vogelnester in den Bäumen…" Die umwehrten Höhensiedlungen im antiken Süditalien als Ausdruck lokalen Selbstverständnisses vor der Hintergrund der römischen Expansion

"Wie Vogelnester in den Bäumen…" Die umwehrten Höhensiedlungen im antiken Süditalien als Ausdruck lokalen Selbstverständnisses vor der Hintergrund der römischen Expansion

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Dr. Agnes Henning

Agnes Hennings archäologisches Projekt befasst sich mit den umwehrten Höhensiedlungen Süditaliens im 4. und 3. Jh. v. Chr. Erstmals will sie diese Siedlungsstrukturen zusammenhängend untersuchen und in den Kontext der Machtexpansion Roms stellen. Besondere Beachtung liegt dabei auf den die Siedlungen definierenden Wehrmauern, die zu großer Zahl noch erhalten sind, jedoch bisher kaum Beachtung in der Forschung fanden oder falsch rekonstruiert und einseitig interpretiert wurden.

Pornography: A Philosophical Investigation

Pornography: A Philosophical Investigation

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Prof. Dr. Mari Mikkola

Die Debatte rund um Pornographie ist politisch äußert aufgeladen. Oftmals wird die antagonistische Diskussion zwischen Anti- und Pro-Pornographie Positionen schon dadurch verschärft, dass ein theoretisches Fundament über die Frage „Was ist Pornographie?“ bisher fehlt. Diesen Missstand möchte Mari Mikkola in ihrer Arbeit aus philosophischer Sicht beheben, indem theoretische und begriffliche Werkzeuge entwickelt werden, die eine fundierte Debatte über Kernfragen der Beschäftigung mit Pornographie erlauben.

Language Change: A Constructional Approach

Language Change: A Constructional Approach

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Prof. Dr. Muriel Norde

Im Rahmen des Projektes wird Muriel Norde ein Studienbuch zum Thema "Language Change: A Constructional Approach" verfassen. Geplant als Einführung in das Feld der Diachronic Construction Grammar, soll das Buch Sprachkonstruktionen (symbolische Paarungen von Form und Bedeutung) ins Zentrum seiner Analyse von Sprachwandlungen stellen. Norde versteht Sprache als ein Netzwerk von Konstruktionen und möchte zeigen, wie der Wandel von Sprache sich durch den Wandel jenes Netzwerkes verstehen lässt.

Messen, Vergleichen, Quantifizieren. Das neue Regime der Quantifizierung sozialer Ränge

Messen, Vergleichen, Quantifizieren. Das neue Regime der Quantifizierung sozialer Ränge

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Prof. Dr. Steffen Mau

In einer Welt der wachsenden und umfassenden Datenerfassung und -auswertung kommt es zu immer neuen Vergleichs- und Kontrollvorgängen, die unsere Betrachtung der Welt und unser selbst bestimmen. Das Projekt von Steffen Mau versucht, die Einflüsse dieser Vorgänge auf soziale Hierarchien zu verstehen und die Frage zu stellen, wer die Antreiber dieser „Vermessung der sozialen Welt“ sind. Als übergeordnete Frage liegt der Arbeit zugrunde, ob diese Sozialskalierung eine neue Kultur der Ungleichheit begünstigt.

Hiobs Gesichter - Die unterschiedlichen Formen des Buches Hiob in den antiken aramäischen, griechischen, lateinischen und syrischen Bibelübersetzungen

Hiobs Gesichter - Die unterschiedlichen Formen des Buches Hiob in den antiken aramäischen, griechischen, lateinischen und syrischen Bibelübersetzungen

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Prof. Dr. Markus Witte

Das Projekt ist den zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 4. Jh. n. Chr. entstandenen Übersetzungen des biblischen Hiobbuches ins Aramäische, Griechische, Lateinische und Syrische gewidmet. Im Mittelpunkt steht eine literatur- und religionsgeschichtliche Würdigung dieser Übersetzungen als eigene literarische Werke mit je eigenem Gottesbild und Menschenbild sowie je eigenen intertextuellen Verweisen und Rezeptionsgeschichten. Der Rezeption gilt ein besonderes Augenmerk des Projekt, weil die Darstellung Hiobs in der gesamten christlichen Kunst von der Antike bis in die frühe Neuzeit wesentlich auf den griechischen und lateinischen Buchgestalten basiert.

"Extra-territorial" Europe: Challenging the "spatial turn"

"Extra-territorial" Europe: Challenging the "spatial turn"

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Prof. Dr. Liliana Ruth Feierstein

Das Forschungsvorhaben will Schlüsselkonzepte zum vorherrschenden Diskurs um die Idee Europas hinterfragen und Konzepte erarbeiten, die eine zeitliche Deutungsdimension in den Fokus rücken. Das Vorhaben beleuchtet die Geschichte und das Selbstverständnis Europas aus zwei Blickwinkeln: aus der Perspektive der Juden sowie der Sinti und Roma als „extraterritoriale europäische Gruppen", sowie die Geschichte europäischer Kulturen im Exil im Sinne eines „extraterritorialen Europas" anhand der Fallbeispiele des deutschsprachigen jüdischen Exils sowie des spanisch-republikanischen Exils in Lateinamerika.

Die (Vor-)Geschichte des Europäischen Strafrechts

Die (Vor-)Geschichte des Europäischen Strafrechts

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Prof. Dr. Martin Heger

Seit den 1990er Jahren schreitet die Europäisierung des Strafrechts in der EU voran, doch fehlt bislang ein wissenschaftlicher Rückblick auf die Vorgeschichte von der Territorialisierung des Strafrechts in der frühen Neuzeit über dessen Nationalisierung im 19. Jahrhundert bis zu den derzeitigen Tendenzen einer Entnationalisierung des Strafrechts. Diese Vorgeschichte des Europäischen Strafrechts soll im Wintersemester 2016/17 als erstes Kapitel einer großen Monographie zum Europäischen Strafrecht nachgezeichnet werden.

Nemesis. Eine Poetologie des Maßes

Nemesis. Eine Poetologie des Maßes

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Dr. Hendrik Blumentrath

Das Projekt von Hendrik Blumentrath befasst sich mit einer der zentralen Kategorien der Literaturwissenschaften: der des Maßes. Ausgang nehmend von der Zeit um 1800, in der die Standardisierungen von Maßen und Messprozeduren mit einer Neuverhandlung antiker, kosmologischer Maßentwürfe zusammentreffen, versucht die Arbeit die literaturwissenschaftliche Kategorie des Maßes neu und vor allem in der Verschränkung verschiedener Messkünste lesbar zu machen.

Transkodierungen. Romantik und/im Comic in Ostmitteleuropa

Transkodierungen. Romantik und/im Comic in Ostmitteleuropa

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Prof. Dr. Alfrun Kliems

Im Buch wird exemplarisch einer spezifischen ästhetischen und ideellen Affinität zwischen Romantik und Pop nachgegangen. Dabei steht die popkulturelle Verarbeitung der ostmitteleuropäischen Romantik im Zentrum, die Relokalisierung und Reevaluierung der Protowelt des "Klassikers". Es geht primär um Verfahren des Um- und Neuschreibens von klassisch nationalisierenden Sujets, Topoi und Themen der Romantik. Zumal in der Region Ostmitteleuropa, in der ihr Status nach wie vor als Bezugspunkt nationaler Identität wie literarischer Selbstvergewisserung überaus virulent scheint. Das Buch wird ein "Zwitterwesen" zwischen Comic-Wissenschaft und Comic-Kunst, weil es die für diesen Zweck ins Deutsche übersetzten Comics aus Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien aufnehmen soll.

Lesepraktiken und Lese-Subjekte im ‚deutschen Unterricht’ seit 1800. Transformationen schulisch-fachlichen Wissens

Lesepraktiken und Lese-Subjekte im ‚deutschen Unterricht’ seit 1800. Transformationen schulisch-fachlichen Wissens

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Prof. Dr. Sabine Reh

Unter dem Titel „Lesepraktiken und Lese-Subjekte im ‚deutschen Unterricht’ seit 1800. Transformationen schulisch-fachlichen Wissens“ soll ein virulentes Narrativ – das einer gegenwärtig zunehmenden ‚Entfachlichung’ des modernen Unterrichts – aufgegriffen und in Frage gestellt werden. In einem Blick zurück auf (sich ändernde) Lesepraktiken des deutschen Unterrichts kann gezeigt werden, wie darin jeweils als legitim geltendes fachliches Wissen repräsentiert wurde, welche diskursiven Vorstellungen von Lese-Subjekten sich herausbildeten und wie sich die Schüler*innen dabei selbst erleben konnten – als diejenigen, die erst einmal lernen mussten, dass sie Texte nicht einfach und schon gar nicht allein verstehen.

Das Jahrhundert der Politik. Zum Wandel des Politikbegriffs im 20. Jahrhundert

Das Jahrhundert der Politik. Zum Wandel des Politikbegriffs im 20. Jahrhundert

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Prof. Dr. Friedbert W. Rüb

Das Projekt von Friedbert Rüb möchte die Wandlung des Politikverständnisses des 20. Jahrhunderts, das sich in seinen positiven wie außerordentlich negativen gesellschaftlichen Formen offenbarte, rekonstruieren. Damit wird eine bis dahin herrschende Lücke in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung geschlossen. Die zu Grunde liegende These ist, dass Politik am Ende dieses Jahrhunderts von zielgerichteter und zukunftsorientierter Rationalität auf zeitorientierte Reaktivität umstellt und nur noch Macht in, aber nicht mehr über die Verhältnisse hat.

Sprache als bindende Kraft: Die Genealogie einer verfassungsrechtlichen Denkform

Sprache als bindende Kraft: Die Genealogie einer verfassungsrechtlichen Denkform

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Holger Grefrath, M. Jur. (Oxon.)

Die geplante Publikation „Sprache als bindende Kraft: Die Genealogie einer verfassungsrechtlichen Denkform“ von Holger Grefrath widmet sich der Sprache des Rechts. Durch das Aufgreifen des Modethemas „Recht und Sprache“ in zugleich theoretischer wie praxisrelevanter Absicht, sowie durch den bislang – anders als im Zivilrecht – in Verfassungsrecht und Rechtstheorie unüblichen Rückgang auf das römische Recht, wird in doppelter Weise wissenschaftliches Neuland betreten. Die Publikation widmet sich der Sprachlichkeit des Rechts als zentraler Forschungsaufgabe und sucht die – methodische wie inhaltliche – interdisziplinäre Öffnung zu den Geisteswissenschaften. Es versteht sich als ein Beitrag zur Internationalisierung der deutschen Rechtswissenschaften, der gezielt in den internationalen rechtstheoretischen und ideengeschichtlichen Diskurs eingespeist werden soll und zur Stärkung der sogenannten juristischen Grundlagenfächer.

Dokumentation und Analyse von Sprachmittlungskompetenz im Französischunterricht

Dokumentation und Analyse von Sprachmittlungskompetenz im Französischunterricht

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Dr. Katharina Wieland

Sprachmittlung, d.h. die am kommunikativen Bedürfnis der Aktionspartner orientierte Übertragung von Ausgangstexten in die und aus der Fremdsprache, ist eine der Kernkompetenzen des Fremdsprachenunterrichts. Katharina Wieland wird in ihrem Projekt eine empirische Fundierung der Sprachmittlung und mögliche „Sprachmittlungsstrategien“ herausarbeiten.

Zwischen Tradition und Moderne. Mennoniten, Amische und Hutterer in der Industriegesellschaft der USA 1865-1970

Zwischen Tradition und Moderne. Mennoniten, Amische und Hutterer in der Industriegesellschaft der USA 1865-1970

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Dr. Martin Lutz

Das Forschungsvorhaben geht der Frage nach, wie Mennoniten, Amish und Hutterer mit ihrer spezifischen Art des Wirtschaftens in der Industriegesellschaft der USA wettbewerbsfähig blieben. Die Längsschnittstudie soll analysieren, wie sich die drei Religionsgemeinschaften aus der Täuferbewegung vom Ende des Bürgerkriegs 1865 bis in die 1970er Jahre von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzten und sich an sie anpassten. Dem Projekt liegt die Hypothese zugrunde, dass religiöse Werte sowie die Selbst- und Fremdwahrnehmung als ethnische Gemeinschaften die ökonomischen Strategien der Täufergruppen maßgeblich beeinflusst haben. Dabei sollen mittels Fallstudien langfristige Entwicklungszusammenhänge aufgezeigt und erklärt werden.

Wasser und Strom. Infrastruktureller Alltag in Zürich und Los Angeles, 1860-1930

Wasser und Strom. Infrastruktureller Alltag in Zürich und Los Angeles, 1860-1930

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Dr. Jan Hansen

Jan Hansens Habilitationsprojekt untersucht die die Veralltäglichung von Infrastrukturen im städtischen Raum anhand der Beispiele von Strom- und Wasserversorgung in Zürich (Schweiz) und Los Angeles (USA) von 1860 bis 1930. Damit stehen im Fokus der Untersuchung zwei gegensätzliche Stadt- und Gesellschaftstypen. Hansen geht dabei den folgenden Fragen nach: Wie werden infrastrukturgerechte Verhaltensregime durch politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Akteure konstruiert? Und wie erlernen Menschen das spezifisch angepasste Verhalten an ihre Umgebung?

Vorreiter. Agonale Sportkulturen des 15. Jahrhunderts am Beispiel italienischer und oberdeutscher Palio- und Scharlach-Pferderennen

Vorreiter. Agonale Sportkulturen des 15. Jahrhunderts am Beispiel italienischer und oberdeutscher Palio- und Scharlach-Pferderennen

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Dr. Christian Jaser

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit italienischen und oberdeutschen Pferderennen des 15. Jahrhunderts um den Siegespreis eines wertvollen Stück Tuchs – ital. palio, dt. scharlach –, um die Potenziale einer erst noch zu schreibenden Sportgeschichte der Vormoderne und die kompetitive Dimension städtischer und fürstlicher Statusdemonstrationen auszuloten. Zentral für dieses kulturgeschichtliche Querschnittsthema ist das Moment des Agonalen, das in den letzten Jahren unter dem Leitbegriff der ‚Konkurrenzkulturen‘ das verstärkte Interesse der Soziologie, Kultur- und Geschichtswissenschaft gefunden hat. Über das Rennpferd als „Geschwindigkeitstier“ mit eigener agency und exponiertes Leitmedium bei diesen Konkurrenzen kann es einen wichtigen Beitrag zum derzeit boomenden Feld der human-animal-studies leisten, zumal gerade die italienische Überlieferung einzigartige ‚Tierbiographien‘ zwischen Wettkampf und Alltag zulässt. Aufgrund des transalpinen Zuschnitts zielt das Projekt in Richtung auf eine kulturgeschichtliche Neuausrichtung einer historischen Komparatistik, die traditionell eher strukturgeschichtlich orientiert ist.

Alban Bergs Streichquartett Opus 3. Genese - Analyse - Ästhetik

Alban Bergs Streichquartett Opus 3. Genese - Analyse - Ästhetik

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Dr. Ullrich Scheideler

Alban Bergs Streichquartett Opus 3 entstand 1910 an einem musikhistorisch bedeutsamen Punkt - dem Übergang zur "freien Atonalität" und damit zur Neuen Musik im Zuge einer radikalen Ausdrucksästhetik. Anders als bei den Werken seines Lehrers Arnold Schönberg, die einen starken Traditionsbruch markieren, sind in Bergs Opus 3 die Kontinuitäten jedoch unüberhörbar, da sowohl große Form als auch entwickelnde motivische Variation den Tonsatz bestimmen. Ullrich Scheideler nähert sich in seiner Arbeit einem der Schlüsselwerke der Wiener Moderne sowohl von Seiten der Werkgenese als auch der Analyse. Er stellt die Frage, ob bei näherer Betrachtung der Skizzen und Entwürfe wie der Faktur des musikalischen Satzes die Grenzen zwischen Tonalität und Atonalität nicht fließender sind als bisher angenommen und ein erweiterter Tonalitätsbegriff sich als tragfähige Kategorie erweisen könnte, um die Verbindungslinien zur (tonalen) Harmonik der Jahrhundertwende sichtbar werden zu lassen.