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Informationen

Sprecher

Prof. Dr. Gerd Graßhoff
Institut für Philosophie
Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Dr. Michael Meyer
Institut für Prähistorische Archäologie
Freie Universität Berlin

Website

www.topoi.org

Humboldt-Universität zu Berlin - Exzellenzinitiative

TOPOI - Die Formation und Transformation von Raum und Wissen in den antiken Kulturen

Wer früher als gebildeter Mensch nach Griechenland reiste, der hatte meist einen Pausanias im Gepäck. Der Geograph und Schriftsteller hat in den Jahren 160 bis 175 in zehn Bänden detailgetreu beschrieben, was das antike Griechenland an Schönheiten bot. Seine "Beschreibung Griechenlands" galt bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtigster und verlässlichster Reiseführer durch das Land am Mittelmeer. Auch heute ist der Pausanias von großem Wert – für Wissenschaftler, die mehr über Räume der antiken Welt erfahren wollen.

Und dieses Thema bewegt rund 200 Forschende, Professorinnen und Professoren und Mitarbeitende, die sich mit dem Altertum in ihren Fachbereichen beschäftigen: Philosophie, Geographie, Archäologie, Geschichtswissenschaft, Theologie, Linguistik, Literaturwissenschaft und andere Forschungsschwerpukte der Humboldt-Universität, der Freien Universität und mehrerer außeruniversitärer Forschungseinrichtungen. Sie arbeiten im Exzellenzcluster "Topoi. The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations" zusammen.

Video: "Topoi – Der Raum – ein weites Feld"

Wie haben sich die Menschen der Umwelt angepasst, wie haben sie sie geformt? Was ist eine Grenze? Wie wurden antike Räume wahrgenommen und dargestellt? Wie haben sie sich auf die Sprache ausgewirkt? Das sind nur wenige von vielen Aspekten, die die Topoi-Forscher interessieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und in welcher Weise Raum und Raumwissen sich in Abhängigkeit voneinander entwickelt und verändert haben und wie sich dieses Wissen auf die kulturelle Entwicklung antiker Gesellschaften ausgewirkt hat. Untersucht werden dabei Raumvorstellungen von Griechen und Römern, aber auch von Völkern des Vorderen Orients, des Mittel- und Schwarzmeerraums, die vom sechsten Jahrtausend vor Christi bis 500 nach Christi existierten. Das Altertum ist nicht nur deshalb ein spannendes Forschungsgebiet, weil es rund um das Thema Raum kaum Untersuchungen gibt, sondern weil viele grundlegende Techniken unserer Zivilisation, man denke an das Rad, in dieser Zeit als Antwort auf Veränderungen des Raums entwickelt wurden.

Was alte Reiseführer über antike Räume verraten

Topoi hat fünf Forschungsbereiche (Research Areas), die durch Querschnittsgruppen miteinander verbunden sind. So wird in Area E untersucht, wie antike Vorstellungen vom Raum, von räumlichen Ordnungen und räumlichem Denken bis zum heutigen Tag weiterwirken. Hier wird nicht nur der Pausanias studiert, sondern es werden auch andere Reiseführer von der frühen Neuzeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts systematisch ausgewertet. Sie dokumentieren Räume der Antike in einem Zustand, der durch Modernisierungs- und Industrialisierungsschübe des 19. Jahrhunderts zerstört wurde. Bedeutende Zeugnisse über Räume, Vorstellungen und Konzeptionen des Raums finden sich auch in Literatur, Gemälden, Zeichnungen und Architektur. In der Literatur des Mittelalters und der Neuzeit werden Räume der Antike beispielsweise fiktionalisiert und transformiert.

Im Fokus des Interesses stehen auch Spolien, antike Baureste, die in späteren Bauwerken auf verschiedene Weise wieder verwendet wurden. Hierbei gehen die Wissenschaftler den technischen und inhaltlichen Hintergründen der Spolienverwertung nach. Sie führen Felduntersuchungen in nordafrikanischen Kirchen und Moscheen, Quellenstudien in den Archiven des Petersdoms in Rom sowie Studien an frühislamischen Bauwerken und Denkmälern auf der Iberischen Halbinsel durch.

Iris Därmann, Professorin für Kulturtheorie, interessiert sich für den Oikos, das heißt, das antike Haus als Wohnstätte und Wirtschaftsgefüge. Die Untersuchung dieses komplexen Gebildes nimmt ihren Ausgangspunkt bei griechischen und lateinischen Autoren und mündet in einer kulturhistorischen Beschreibung des modernen Hauses, moderner Ökonomie und ihrer Ordnungsmuster, wobei sie auf die seit dem 19. Jahrhundert entwickelten Konzepte des Hauses Bezug nimmt. Iris Därmann ist auch Sprecherin einer Querschnittsgruppe, die die Auseinandersetzung mit allgemeinen raum- und kulturtheoretischen Fragen vorantreibt.

Auf den Spuren Adolf von Harnacks bewegen sich die Theologinnen und Theologen der Humboldt-Universität. Sie forschen über die Ausbreitung der frühen Christen in Kleinasien, Syrien und Palästina – in Research Area B, wo es um "soziale Räume und Kontrollmechanismen" geht. Dabei unterziehen sie Harnacks Standardwerk "The Expansion of Early Christianity" einer Revision. Wie ging die Ausbreitung des Christentums von der Stadt aufs Land vor sich? Welche organisatorische oder Verkehrsinfrastruktur hat dabei geholfen, was könnte sie gehindert haben? lauten einige der Fragen. In einem weiteren Projekt setzen sich Theologinnen und Theologen mit räumlichen Vorstellungen in christlichen Texten auseinander.

Im Focus: Platons Spätwerk „Timaios“

Das "himmlische Reich" beschäftigt aber nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Bereich der Theologie. In Research Area D werden antike Theorien über Raum und die antiken Wissenschaften untersucht, die sich des Raumbegriffs annehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei die antike Kosmologie und Physik sowie metaphysische Beschreibungen von Raum und Räumlichkeit. So untersucht Thomas Poiss im engen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen der Philosophie den »Timaios« – Platons Spätwerk, das sich mit kosmologischen, mathematischen und naturphilosophischen Fragen beschäftigt. Die klassische Philologie interessiert sich für die kaum erforschten erzähltheoretischen Aspekte und den Einfluss der Vorsokratiker auf Platon. Platon bezieht sich beispielsweise auf den Philosophen Anaxagoras, der den Begriff »Nous« prägte, der bei Platon als Geist, der den Kosmos ordnet, wiederkehrt. Einfluss auf Platon übte auch das Werk von Empedokles aus. Der Vorsokratiker prägte beispielsweise die vier Elemente-Lehre von Feuer, Wasser, Erde und Luft. Platon versuchte im »Timaios« diese Lehre zu vereinheitlichen und zu erklären wie ein Grundbereich (Chora) durch geometrische Elementarkörper überformt wird und in Gestalt der vier Elemente in Erscheinung tritt.

Forschen und präsentieren

Die Mitglieder von Topoi können aus den Mitteln der Exzellenzinitiative eine Reihe von Aktivitäten wie Kolloquien, Workshops und Konferenzen finanzieren. Die Forschergruppen haben außerdem die Möglichkeit, Senior Fellows einzuladen. Die in- und ausländischen Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler können von zwei Wochen bis zu einem Jahr in Berlin mit Topoi-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern zusammen forschen, gemeinsame Workshops organisieren, Publikationen vorbereiten oder auch interne Seminare abhalten und das Cluster mit Inhalten bereichern, die von den Mitgliedern nicht erbracht werden können. Neben vier neu eingerichteten Professuren werden Stipendien für 33 Promotions- und drei Postdoc-Positionen über Topoi an der Humboldt-Universität finanziert.

Im ehemaligen Gebäude des Instituts für Rechtsmedizin an der Hannoverschen Straße haben die Topoi-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler der Humboldt- Universität einen Ort für Arbeit und Zusammenkunft erhalten. Überhaupt hat Topoi mit Berlin den idealen Raum zur Entfaltung. Denn neben den universitären und außeruniversitären Kapazitäten rund ums Altertum bieten die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen idealen Ort, um Museumsräume, die Präsentation antiker Objekte und Architektur, zu studieren. Sie werden auch zur eigenen Darstellung genutzt. Darauf darf sich die Öffentlichkeit schon jetzt freuen: 2012 werden im Pergamonmuseum Forschungsergebnisse aus Topoi in einer großen Ausstellung gezeigt.

Berliner Antike-Kolleg

Auch nach Topoi soll es eine Art Topoi geben: Die Berliner Altertumsforscherinnen und -forscher planen ein Antike-Kolleg, das zahlreiche Aktivitäten in den Altertumswissenschaften als auch die zwei Antike-Zentren, das "August-Boeckh-Antikezentrum" der Humboldt-Universität und das "Interdisziplinäre Zentrum Alte Welt" der Freien Universität, für bestimmte Projekte unter ein Dach bringt. Auch eine Graduiertenschule ist geplant. Die zwei Zentren werden ihr Profil behalten und Brücken zu ihren Universitäten bilden. Gemeinsam ist auch eine bessere Präsentation in der Öffentlichkeit möglich. Denn die Forschungsergebnisse der Altertumsforscher geben nicht nur Auskunft über Vergangenes, sondern machen unsere heutige Kultur und Wissenschaft erst begreifbar.

 

Beteiligte Institutionen

  • Humboldt-Universität zu Berlin
  • Freie Universität Berlin
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
  • Deutsches Archäologisches Institut
  • Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
  • Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
  • Technische Universität Berlin
  • Stiftung Preußischer Kulturbesitz