Languages of Emotion
Languages of Emotion
"Ein Schaf fürs Leben" ist eine bezaubernde Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft. Ein Zusammentreffen zwischen einem hungrigen Wolf und einem arglosen Schaf scheint anfangs nach den bekannten Regeln zu verlaufen, die Geschichte nimmt aber eine überraschende Wendung. Das prämierte Kinderbuch steht im Mittelpunkt eines interdisziplinären Forschungsprojekts im Exzellenzcluster "Languages of Emotion" (LoE), in Sprecherschaft der Freien Universität und unter Mitwirkung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Humboldt-Universität.
In dem Projekt, an dem der Literaturwissenschaftler Rüdiger Steinlein beteiligt ist und in Zukunft auch seine Kollegin Sabine Berthold mitforschen wird, geht es um den Zusammenhang von Lesen und emotionalen Kompetenzen, die zentrale Schlüsselqualifikationen für viele Lebensbereiche darstellen.
Video: "Von Sprachen und Gefühlen"
Emotionale Kompetenz bei Kindern durch Lesen steigern?
"Es gibt Studien, die belegen, dass sprachliche und emotionale Kompetenz in hohem Maß zusammenhängen, allerdings wurde dabei bislang nicht der Einflussfaktor Lektüre untersucht", erklärt der Kinderbuchspezialist Rüdiger Steinlein, der gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Psychologie, Sprach- und Literaturwissenschaft in diesem Projekt zusammenarbeitet. Sie wollen mehr über Bedingungen und Veränderbarkeit emotionaler Kompetenzen erfahren und herausfinden, welche Rolle dabei die Lektüre von Literatur spielt – für eine Altersgruppe, die bisher in der Forschung zur emotionalen Kompetenz kaum eine Rolle gespielt hat. Im Fokus der Untersuchungen stehen Kinder im Grundschulalter. Bekannt ist bislang, dass Kinder, die über hohe emotionale Kompetenzen verfügen, bessere schulische Leistungen zeigen, die nicht alleine auf eine höhere Intelligenz zurückzuführen sind.
Um mehr zu erfahren, wird im LoE-Projekt eine Längsschnittstudie mit 210 Kindern aus brandenburgischen Horten durchgeführt. Es wurde ein Interventions-Leseprogramm zur Förderung emotionaler Kompetenzen für Schülerinnen und Schüler der zweiten und dritten Klasse entwickelt. Das Programm basierte in der ersten Runde auf der Lektüre des eingangs erwähnten Kinderbuches. In acht Sitzungen wurde in Kleingruppen dazu gearbeitet. Mit der einen Hälfte der Kinder wurde nicht nur gelesen, sondern ein Zusatzprogramm durchgeführt. Sprachliche und emotionale Kompetenzen wurden vor und nach der Intervention gemessen. Die erste Untersuchungsphase ist abgeschlossen, die erhobenen Daten sollen in der nächsten Projektphase evaluiert werden.
Die emotionale Kraft des Wortes
Emotionen sind auch das Forschungsfeld der HU-Psychologin Annekathrin Schacht. Sie untersucht seit mehreren Jahren das Zusammenspiel von Emotion und Kognition mit experimentalpsychologischen Methoden und zählt auf diesem Gebiet zu den produktivsten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern. Zusammen mit dem HU-Psychologen Werner Sommer arbeitet sie in LoE an dem Thema "Emotionen in Gesichts- und Wortverarbeitung".
Bei der Frage wie Gesichter und Wörter, die in unser Bewusstsein dringen, emotional verarbeitet werden, konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwei Phasen erkennen: die frühe und die späte Phase. Die frühe Phase setzt für die Gesichterverarbeitung nach 150 Millisekunden ein, bei der Wortverarbeitung sind 250 bis 300 Millisekunden notwendig, um die erste Reaktionsphase in Gang zu setzen.
In dem Projekt von Annekathrin Schacht steht zunächst die Wörterverarbeitung im Mittelpunkt. Um mehr über ihre emotionale Bedeutung zu erfahren, werden Probandinnen und Probanden mit Wörtern konfrontiert, gleichzeitig erfolgen Messungen der Gehirnaktivität per EEG beziehungsweise Messungen von vegetativen Veränderungen des Körpers wie der Hautleitfähigkeit, der Muskelaktivität im Gesicht und des Pupillendurchmessers.
Eine Frage, die die Wissenschaftler dabei beschäftigt, ist ob die emotionale Bedeutung eines Wortes auf einem lexikalischen Eintrag im Gehirn beruht, der immer wieder abgerufen wird, oder auf Assoziationen, die durch unterschiedliche Wörter immer wieder neu ausgelöst werden. Erste Ergebnisse gibt es schon: Vieles spricht dafür, dass die emotionale Bedeutung von Wörtern per Assoziation entsteht und nicht Teil des Lexikons ist.
Eine weitere Frage ist, wie stark die emotionale Bedeutung eines Wortes ist, wenn wir nicht darauf achten. Die Probandinnen und Probanden im Experiment haben beispielsweise die Aufgabe, Wörter nur oberflächlich zu lesen. Dabei wurde Erstaunliches festgestellt: In dieser Situation setzt die erste Phase der emotionalen Verarbeitung viel früher, bereits nach 50 bis 100 Millisekunden ein. Warum das so ist, ob es sich möglicherweise um konditionierte Reflexe handelt, wollen die Forscherinnen und Forscher in weiteren Experimenten klären.
Auch die Frage was passiert, wenn wir mit einer nicht-emotionalen Aufgabe beschäftigt sind und ein verbaler emotionaler Reiz auftritt, treibt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Projekt um. Nach ersten Ergebnissen scheint die nicht-emotionale Aufgabe die Verarbeitung emotionaler Aspekte zu verstärken. Ein Erklärungsversuch ist, dass sich bei zwei gleichzeitig zu verarbeitenden Reizen die Verarbeitungsphasen verschieben, die erste Phase länger andauert und die zweite Phase später einsetzt. Aber das ist eine Hypothese, die es noch zu beweisen gilt.
Wie Wunder wirken
In die Welt der Wunder taucht Rasha Abdel Rahman, ebenfalls Psychologin der HU, im Rahmen von LoE. Sprechende Bäume und Brunnen, Furcht einflößende Zombies oder auch ein zauberhafter Harry Potter sind in früheren Jahrhunderten wie heute fester Bestandteil unserer Kultur. "Geschichten, die Elemente des Märchenhaften, Unrealistischen in sich tragen, prägen sich beim Zuhörer viel besser ein als andere Wissenskategorien, in denen keine Strukturverletzungen vorkommen", erklärt die Leiterin des Projekts "Wie Wunder wirken". Warum das eigentlich so ist, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sich Struktur verletzende Kategorien stärker einprägen, ist eine Frage, die die Wissenschaftlerin mit ihrem Team klären möchte und zu der es bislang kaum empirische Untersuchungen gibt.
In dem Projekt arbeitet die Psychologin mit ihrem Kollegen Werner Sommer, aber auch mit Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern der Freien Universität zusammen. Am Anfang müssen wissenschaftliche Texte für empirische Studien ausgewählt werden. Gearbeitet werden soll mit weniger bekannten Märchen, die die Probandinnen und Probanden nicht kennen und die sie in zwei Varianten hören werden: vorgelesen werden eine prosaische Version und eine Variante in moderner Alltagssprache. Dabei werden ihre Gehirnströme per EEG und per funktioneller Magnetresonanztomographie aufgezeichnet. Wird sich die emotionalere Variante besser einprägen? Nicht nur die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind auf die Antwort gespannt.
Der Forschungsgegenstand des Exzellenzclusters Languages of Emotion
(LoE) sind Zusammenhänge zwischen Emotionen und Zeichenpraktiken. Was
und wie wir "fühlen", ist zu einem großen Teil durch Sprache und Bilder
geprägt. Gefühle befördern oder behindern unseren Spracherwerb;
umgekehrt wirkt sich sprachliche Kompetenz auf Fähigkeiten emotionaler
Kommunikation aus. Die Emotionsforschung der vergangenen 20 Jahre hat
die Rolle der Sprache weitgehend vernachlässigt, die Sprachforschung
die Rolle der Emotionen. Das soll sich mit LoE ändern. An dem Cluster
der Freien Universität wirkt eine Reihe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Humboldt-Universität mit.
Sprecher
Prof. Dr. Hermann Kappelhoff
Institut für Theaterwissenschaften
Freie Universität Berlin